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Leben nach der Transplantation

Die psychische Verarbeitung der Transplantation

Nach der Transplantation wird in der ersten postoperativen Phase oft ein intensives Gefühl des Gerettet-worden-seins erlebt.

Gleichzeitig treten oft Verwirrtheitszustände mit Halluzinationen (Durchgangssyndrom), in denen bedrohliche Szenarios erlebt werden auf. In diesen Szenarios wird die durchgemachte Angst ausgedrückt.

Wenn die Orientierung sich stabilisiert und die eigenen Kräfte spürbar anwachsen, stabilisiert sich das Selbstgefühl und die Angstgefühle nehmen ab. Häufig bestehen Dankbarkeitsempfindungen gegenüber den Spender, aber auch Schuldgefühle, wenn die Vorstellung der Spender sei für den Empfänger gestorben auftaucht. Die Entnahme des eigenen Herzens ist auch ein Verlust, hat es doch trotz Krankheit viele Jahre seinen Dienst getan. Damit können auch Gefühle der Trauer verbunden sein. Insgesamt stellt die Eröffnung des Brustraumes einen gravierenden Eingriff in unsere Vorstellung von einem intakten Körper dar. Es müssen nicht nur die körperlichen Narben verheilen, es bedarf auch eines psychischen Heilungsprozesses, um wieder zu einem Bild eines geschlossenen, intakten Körpers und eines ausreichend stabilen Selbstempfindens zu gelangen

Der nächste Schritt ist die Entlassung von der Sicherheit gewährenden Klinik nach Hause. Einerseits besteht eine höhere körperliche Belastbarkeit und ein Zugewinn an Lebensmöglichkeiten, anderseits muss sich der Transplantierte mit den Medikamenten, ihren vielen Nebenwirkungen und den Verhaltensvorsichtsmaßnahmen, die besonders im ersten Jahr streng sind, auseinandersetzen.

Ein neues Organ kann, wie bereits angesprochen, nicht einfach verpflanzt werden, sondern es bedarf, weil wir es auch mit psychischen Prozessen verbinden, eines mehrstufigen psychischen Integrationsprozesses. Zu Beginn wird das Organ als Fremdes, auf einer weiteren Stufe dann als Gast im Selbst betrachtet. Eine vollständige Aufhebung der Wahrnehmung, dass etwas Fremdes im eigenen Körper wohnt ist die Ausnahme. Häufiger ist ein Pendeln zwischen dem Gefühl es sei zu etwas Eigenem geworden und Fremdheitsgefühlen gegenüber dem Organ; gerade in schwierigen Phasen wie bei Abstoßungen, Trennungen und anderen Verlusten.

Grundsätzlich sind die Verarbeitungswege einer Herztransplantation immer individuell. Es können Trauerphasen mit Sprachlosigkeit, innerer Leere, depressiven Stimmungsschwankungen und Angsterleben im Wechsel mit Zuversicht und sogar Euphorie auftreten. Viele Medikamente lösen psychische Beeinträchtigungen aus. Um die wichtigsten zu nennen: Ciclosporin und FK 60 können zu Unruhe und innerer Getriebenheit führen, β-Blocker können depressive Empfindungen bewirken, und Cortison kann Affektlabilität auslösen. Manchmal entwickelt sich aufgrund der Nebenwirkungen eine starke Abneigung die Medikamente, besonders gegen die Immunsuppressiva. Patienten fühlen sich abhängig und beeinträchtigt und entwickeln gelegentlich den Wunsch davon frei zu sein. Aber unterlassene Einnahmen können zu lebensbedrohlichen Abstoßungsreaktionen führen. Sexuelle Appetenz und Potenz sind in vielen Fällen physisch und psychisch beeinträchtigt. Auch vorausgegangene, d.h. vorbestehende psychische Beeinträchtigungen können wieder auftauchen und den Weg erschweren.

Es gibt also viele Hürden, die ein Transplantationspatient zu überwinden hat. Oft sind die psychischen Kräfte durch eine lange Krankengeschichte weitgehend aufgebraucht. Wenn es zu einer psychischen Entkräftung kommt, hat es sich als wenig erfolgreich erwiesen die depressiven Gefühle oder Ängste mit sich selbst auszumachen, sondern es ist für eine erfolgreiche Behandlung wichtig zu diesen Empfindungen zu stehen und sie zu kommunizieren. Es besteht eine unberechtigte Scheu vor der Einnahme von Antidepressiva, die sehr hilfreich, bei der Neuregulierung, der bei psychischen Erkrankung aus dem Gleichgewicht geratenen Transmitter (chemische Botenstoffe im Gehirn) sind.

Wesentlich für eine hohe Lebensqualität nach einer Transplantation ist die Chance dieses neue Leben auch als einen neuen Anfang zu nutzen. Die Klinik kann ein Herz transplantieren, die aktive Lebensumgestaltung die dazu nötig ist, kann immer nur der Betroffenen selbst leisten. Dazu ist es erforderlich sich von einer passiven Haltung zu verabschieden, und nun aktiv gestaltend die bisherigen Lebensgewohnheiten zu ändern. Dazu gehört z.B. die dauerhafte, d.h. lebenslange Ausübung von Sport, um das Herz jung zu erhalten und der Entwicklung von Osteoporose entgegen zu wirken. Die Umstellung auf eine ausgewogene, fett- und kohlehydratreduzierte Ernährung mit viel frischem Obst und Gemüse ist unerlässlich um Arteriosklerose an den Herzkranzgefäßen des neuen Organs vorzubeugen. Wir wissen aus Langzeitbeobachtungen, dass ein rascher Wiedereinstieg in die Normalität die Lebensqualität entscheidend verbessert. Das bedeutet auch, mit der neu gewonnenen Leistungsfähigkeit, den eigenen Möglichkeiten entsprechend, wieder eine Berufstätigkeit aufzunehmen. Neugierde auf das Leben, Unterstützung und Halt durch die Familie sind wichtig. Um das familiäre und soziale Netz langfristig zu erhalten, sind die Fähigkeiten sich auseinandersetzen und um sich wieder annähern zu können und miteinander im Gespräch zu bleiben unentbehrlich. Häufig kommt die Familie an die Grenze ihrer Belastbarkeit, deshalb ist eine weiterreichende gute soziale Vernetzung sehr hilfreich.

Über die ganze Lebensspanne nach einer Herztransplantation bleibt jedoch mehr oder weniger das Bewusstsein um die Fragilität der Gesundheit und die Endlichkeit unseres Lebens im Bewusstsein. Bei Nachuntersuchungen, bei jeder Herzkathetheruntersuchung drängen diese Themen wieder in das Bewusstsein. Das bedeutet Herztransplantierte haben wie andere chronisch kranke Menschen enorme innere Aufgaben zu bewältigen. Einerseits wissen wir heute nach 20 Jahren psychosomatischer Begleitforschung, dass eine weitgehende Rückkehr in die Normalität und eine gute soziale Verknüpfung die entscheidenden Bedingungen für eine hohe Lebensqualität sind, anderseits gibt es gerade in den Bereichen häufig Probleme. Begleitende ambulante Psychotherapien können sehr unterstützend sein, weil sie einen Ort bieten über Probleme und Fragen zu sprechen, für die es oft keinen anderen Raum gibt.

© Psychosomatik im DHZB Berlin

Dr. W. Albert, Dipl. Psych. D. E. Schöne

 

 

 

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